weisse flaeche 

taenzer„Wunderst du dich, dass die Menschen dich lieben? Alle die an Leib und Seele Benachteiligten, in denen wie in dir eine Sehnsucht nach dem Schönen, Leichten und Unbeschwerten lebt, die durch ein hartes Leben Verkrampften, die Unerlösten, die Enttäuschten, die kaum flügge Gewordenen, die dir nachfliegen wollen, denen du Vorbild und Traum bist? Du breitest vor ihnen die Flügel deiner Fantasie aus und zeigst ihnen die Herrlichkeiten der Welt… Du Tänzer, der keiner Sprache, keines Gesanges bedarf, um sich verständlich zu machen und um von allen verstanden und erfüllt zu werden, wie die Blumen, die Sonne, das Tier …”

Wer Henryk Szymczak tanzen sah, wird diesen Hymnus von Max Terpist begreifen, mit dem der den Tanz und den Tänzer feiert. Er, der nunmehr Fünfundachtzig-jährige, erfüllt, von einer höheren Macht begnadet, noch immer seine Bestimmung: Jünger der Tanzkunst zu sein, und er wird es bleiben sein Leben lang.
Wer seinen Lebenslauf kennt, weiß, dass es ein harter Weg war, den Henryk Szymczak ging. Ein ganz eigener, auf dem es keine ausgetretenen Pfade gab und keinen Kompass, der ihm die Richtung wies. Der Lebensweg des in Posen Geborenen zeigt, wie eng das Schicksal eines Menschen mit der Zeitgeschichte verbunden ist. Er braucht viel Kraft, um die Herausforderungen zu bestehen, die Hindernisse, die sich ihm auf seinem Weg entgegenstellen, zu überwinden. Wer zum Beispiel hinter dem „Eisernen Vorhang” zur Welt kam und zu neuen Horizonten aufbrechen wollte, musste ein Schlupfloch suchen. Und das tat Henryk Szymczak nach dem Tanzstudium 1947 an der Labanschule in Jena und dem tanzpädagogischen Studium am Theater des Tanzes Erfurt und den Engagements als erster Solotänzer am Nationaltheater Weimar und Opernhaus Leipzig.
Dass er mit Marika Rökk auf Tournee ging und auch der Film ihn holte, ist nicht nur eine Fußnote wert. 1966 folgte ein Informationsstudium in Warschau an der Hochschule für Ballett und Choreographie fürs polnische Fernsehen. Idee und Choreographie zu dem Ballett „Der Weg zum Licht” mit einem polnischen Ensemble „Phantom-Musik von Krzysstof Komeda” (Modern Jazz-Tanz). 1963-1968 belegte er laufend Sommer-akademien des Tanzes in Dresden (Tanzpädagogik).
Es waren Jahre des künstlerischen Ruhmes und Rausches, die den Tänzer Henryk Szymczak mit Dankbarkeit erfüllten, denn er beschenkte und beschenkt noch immer die Menschen, ob als Künstler oder als Tanzpädagoge, mit Erlebnissen, die sie über ihren Alltag hinaustragen, ihre Herzen mit Glück erfüllten und sie ein Funkeln spüren lassen, von dem sie wünschen, es möge nie erlöschen.
Im Jahre 1963, vor 50 Jahren, eröffnete der Tänzer die „Ballettschule Szymczak” in Heidelberg. Der Ballett-Tanz ist, wie kaum eine andere Kunst, für das Meister-Schüler-Verhältnis geschaffen. Autodidakt kann man in ihm nicht sein. Das Formen der jungen Talente ist eine inspirierende Aufgabe für Henryk und Cornelia Szymczak, der sie sich mit Lust am Komödiantischen und Pantomimischen unterziehen. Das zeigen ihre umjubelten Auftritte bei Schüleraufführungen.
Der Tanz geschieht im Raum – dieses Herzstück der Ballettkunst versucht der Lehrmeister seinen Elevinnen und Eleven einzupflanzen, und die, die das verinnerlichen, blühen auf in der Bewegung ihres Körpers. Das Element des Schönen hervorzubringen und, es sei nur für einen Augenblick, aufleuchten zu lassen in unserem oft kahlen Alltag, dafür sind Jahre des Schweißes nicht verschwendet. Und keiner kann das seinen Schülern glaubhafter versichern als der Meister selbst.
Ein Zeichen dafür, dass Henryk Szymczaks Leitmotiv „Hinterm Horizont geht’s weiter” lautet, ist die Gründung des „Fördervereins für künstlerischen Tanz e.V. – L’art de la Danse” im Jahre 1987. Er rief diese Organisation ins Leben, um ein festes Fundament für die Verwirklichung aller Ideen, die der Tanzkunst dienen, zu schaffen. Der Jugendkulturaustausch mit anderen Ländern bringt Schwung in die Gestaltung der vielgestaltigen Projekte. Die ersten Wunder sind schon geschehen:
Ein Zitat der ehemaligen Oberbürgermeisterin der Stadt Heidelberg, Frau Beate Weber: „Henryk Szymczak hat in Heidelberg – und weit über die Grenzen unserer Stadt hinaus – Pionierarbeit in der Förderung des freien Tanzes geleistet. Und er war stets bemüht, ein Forum für die internationale Begegnung junger Menschen zu schaffen.”

Jugendkulturaustausch: Staatliches Ballettgymnasium Bytom – Polen
                Chamber Ballett Williamsburg – USA
                Pensylvania regional Ballett – USA
                Ecole Nationale, Chatres – Frankreich
                Jugendkunstschule Kursk – Russland
                Ballettschule Montpellier

Die Kunst des Tanzes lebt, und Tänzer wie Henryk Szymczak beflügeln sie mit ihrem Traum, zur Liebe zu verführen.

Heidelberg, den 24. Juni 2013
Dr. Martina Thiele